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Eine neue Ära des Handelsprotektionismus

Fidelity Wealth Expert

Fidelity Wealth Expert - Investment Team

 

Ganz gleich, ob die Nachrichten positiv oder negativ sind: wenn es um Handelsspannungen zwischen den USA und China geht, reagiert der Markt. Falsch wäre es, jeder Bewegung des Marktes zu folgen. Der Blick auf das große Ganze wird Anlegern helfen, gelassener zu bleiben.    

Hören Investoren den Begriff „Handelskrieg“, so entstehen sofort Bilder von auf Feldern verrottenden US-Sojabohnen und darniederliegenden chinesischen Fabriken, die ihre Überkapazitäten nicht nutzen können. Möchten wir aber dem Thema gerecht werden, so müssen wir über Leistungsbilanzdefizite und Überschüsse hinausschauen und auch Militärtechnologien, geistiges Eigentum sowie den weltweit zunehmenden Protektionismus in unsere Überlegungen miteinbeziehen. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, sehen wir im Streit zwischen den USA und China nicht nur einen Konflikt in einem eingrenzbaren Handelsbereich, sondern vor allem auch einen Kampf um die globale wirtschaftliche Hegemonie in einer möglicherweise aufkeimenden Ära des weltweiten Handelsprotektionismus. 

Wichtige Handelskonflikte in Fernost 

Mit dem Ende des Kalten Krieges feierten die Kommentatoren den Aufbruch in eine neue Ära der Globalisierung: Länder, die früher unter sowjetischem Einfluss standen, wurden zu Handelspartnern und die Digitalisierung der Welt beseitigte auf beispiellose Weise Kommunikationsbarrieren. Der sowohl gefeierte wie auch verunglimpfte Politikwissenschaftler Francis Fukuyama sah im Tod des Kommunismus die gemeinsame Vermarktung internationaler Beziehungen. Er erblickte darin eine Verringerung der Wahrscheinlichkeit, dass Staaten miteinander in Konflikt geraten. Dreißig Jahre später steht diesem Optimismus der Globalisierungsbefürworter ein beständig wachsender Pessimismus gegenüber.

Weltweit zeichnen sich immer wieder neue Handelskonflikte ab, die ebenfalls das globale Wachstum maßgeblich beeinflussen können. Die Auseinandersetzung zwischen Japan und Südkorea – zwei wichtige wirtschaftliche wie auch strategische Verbündete der Vereinigten Staaten – droht zu eskalieren. Im Jahr 2018 entschied der Oberste Gerichtshof Südkoreas, dass japanische Unternehmen, die während des Zweiten Weltkriegs von südkoreanischer Zwangsarbeit profitierten, Entschädigungen zahlen sollen. Japan aber besteht darauf, dass die Angelegenheit durch einen Vertrag von 1965 bereits geregelt worden sei, was die Anwälte Südkoreas nicht davon abhielt, japanische Vermögenswerte zu beschlagnahmen. Daraufhin verschärfte Japan seine Richtlinien und stoppte Chemikalienexporte, die Südkorea dringend für seine Halbleiter-Exportindustrie braucht, woraufhin Südkorea sich aus einem bedeutenden Geheimdienstpakt mit Japan zurückzog. Anstatt eine Lösung anzustreben, haben beide Länder mit einer mehr als zwei Jahrzehnte dauernden fiskalischen Orthodoxie gebrochen und sich gegenseitig von ihrer Liste bevorzugter Handelspartner gestrichen. Es hat den Anschein, dass man sich auf einen langanhaltenden Konflikt einrichtet. Wie im Streit zwischen den USA und China geht es auch in diesem Konflikt um weitaus mehr als nur um Geld, was die Auseinandersetzung kompliziert und das Erreichen einer Lösung schwierig macht.

Spannung im internationalen Handel und die Auswirkungen auf die Europäische Union

Mit dem Brexit werden die durch Protektionismus verursachten Veränderungen in Europa sichtbar. Doch dies ist nicht die einzige Herausforderung, vor der die Europäische Union aktuell steht. China ist die größte Importquelle der EU und vor allem der zweitgrößte Exportmarkt für die Europäische Union nach den USA. 

Die Europäische Union exportiert nach China hauptsächlich wertschöpfende Produkte und Dienstleistungen, wodurch das Wachstum Chinas wesentlich zum Wachstum der EU beiträgt. Verlangsamt sich durch den Handelsstreit mit den USA das Wachstum der chinesischen Wirtschaft, so wirkt sich dies auch direkt auf die wirtschaftliche Entwicklung der EU aus. Ein weiteres Problem, mit dem die Europäische Union sich konfrontiert sieht, ist das immer schwieriger werdende Verhältnis zu seinem größten Handelspartner. Bereits 2018 belegte Präsident Trump Aluminium und Stahl aus der EU mit Zöllen. 2019 führte Frankreich als Vorreiter der EU im Alleingang die Digitalsteuer ein. Trump sieht darin einen Angriff auf amerikanische Technologieriesen und denkt seitdem laut über Zölle für den Automobilsektor der Europäischen Union nach – ein Schritt, der in einer Zeit, in der die Bundesregierung ihre Wachstumsprognose für 2020 gerade nach unten korrigiert hat, vor allem die deutsche Automobilindustrie treffen würde. Trotz dieser Widrigkeiten wächst der Handelsüberschuss der Eurozone und die Rhetorik Trumps spitzt sich weiter zu. Die Europäische Union sei „schlechter als China, nur kleiner. Sie behandelt uns schrecklich.“ (Im Original: "worse than China, just smaller. It treats us horribly.").

Immer stärker zeichnet sich ab, dass die Europäische Union das direkte Ziel des US-amerikanischen Protektionismus ist. Die Auswirkungen dieser Politik stellen die Wirtschaft der EU vor große Herausforderungen. Doch die Instrumente, die zur Bewältigung zur Verfügung stehen, geben nicht unbedingt Anlass zu großem Optimismus. Die Mittel der Geldpolitik scheinen langsam abzustumpfen, ein Wirkungsverlust ist zu beobachten. Ein weiteres wichtiges Steuerungsinstrument, auf das Volkswirtschaften in Krisenzeiten zurückgreifen, ist die Fiskalpolitik. In der komplizierten Konstruktion der Europäischen Union aber wird dieses Werkzeug bisher nur sehr eingeschränkt angewendet. Damit fiskalpolitische Maßnahmen wirklich zum aktiven Gegensteuern genutzt werden könnten, müssten erst Strukturen der EU reformiert und vereinheitlicht werden. Bis es so weit ist, entfällt dieses Werkzeug weitgehend und es stellt sich daher die Frage, woher die positiven Signale für die Eurozone kommen sollen. 

Die Augen sind auf die Vereinigten Staaten gerichtet. Alle suchen nach einem Hinweis auf das, was wohl als Nächstes kommt. Die US-Notenbank Federal Reserve, die großen US-amerikanischen Unternehmen und die US-Regierung spielen dabei eine Schlüsselrolle.

Der anhaltende Handelsstreit mit den USA

Es gibt keine Zweifel darüber, dass die USA auch gegen ihre engsten Nachbarn Kanada und Mexiko vorgehen. Doch wenigstens konnten sich die drei Staaten auf das neue Freihandelsabkommen USMCA einigen. Das leicht modifizierte Abkommen soll das NAFTA-Abkommen ablösen, welches seit 1994 Mexiko, Kanada und die USA zu einer gemeinsamen Freihandelszone vereint. Auf nationaler Ebene aber scheiterte die Ratifizierung im Kongress bisher am Widerstand der Demokraten. Diese fordern, dass im neuen Abkommen ein stärkerer Schutz von US-Arbeitnehmern und der Umwelt verankert wird. Bereits in der Vergangenheit haben wir darauf hingewiesen, dass es den Blick verstellen kann, wenn man in der Ablösung des NAFTA-Abkommens lediglich eine von Trump vorangetriebene Abnormität sieht. Man übersieht dabei leicht, dass Protektionismus in der US-amerikanischen Politik nicht einfach nur ein Trump-Phänomen ist, sondern auch überparteilich vorangetrieben wird. Lassen Sie uns das Offensichtliche einmal kontrafaktisch darstellen. Wäre die amerikanische Politik unter Hillary Clinton frei von Protektionismus gewesen? Die Transatlantische Partnerschaft, die Trump schließlich aufgab, lehnte sie ebenfalls ab. Vertrauen wir ihren Memoiren, so müssen wir annehmen, dass ihre Politik in weiten Teilen eine ähnliche gewesen wäre. 

Auch wenn wir berücksichtigen, dass Hillary Clinton Veränderungen sicherlich diplomatischer kommuniziert hätte - was in der Beziehung zu den Partnern der Vereinigten Staaten sicherlich einen erheblichen Unterschied ausgemacht hätte – müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass auch sie die internationalen Handelsbeziehungen neu ausgerichtet hätte.

Stellen wir uns vor, Elisabeth Warren oder Bernie Sanders gewinnen die Nominierung der Demokraten und Trump verliert die Wahl. Würde die Welt dann das Ende des US-amerikanischen Protektionismus feiern? Es spricht Einiges dagegen. Beide kommen aus dem Flügel der Demokratischen Partei, der wenig geneigt ist, den Freihandel zu unterstützen und beide haben betont, dass Trump beim Schutz der US-Arbeiter nicht weit genug gegangen sei.

Für Investoren ist es wichtig, den Handelsstreit zwischen den USA und China im Kontext einer Ära des wachsenden internationalen Protektionismus zu sehen. Die Entwicklung zu Nationalismus und Protektionismus lässt sich im Ursprung in weiten Teilen auf die US-amerikanische Politik zurückführen. Doch inzwischen ist diese Entwicklung auch in der übrigen Welt eine Realität, die man nicht mehr übersehen kann. Der Brexit und der Streit zwischen Korea und Japan zeigen dies sehr deutlich. Ein ganzheitlicher Blick, der die Komplexität der Zusammenhänge erfasst, wird Anlegern helfen, nicht jeder Bewegung des Marktes zu folgen und auf negative oder positive Nachrichten über den Handelsstreit zwischen den USA und China mit Ruhe statt mit Nervosität zu reagieren. So wichtig diese Verhandlungen auch sein mögen - selbst positive Ankündigungen dürfen in diesem globalen Konflikt nicht als Endpunkt verstanden werden, sondern als das Erreichen einer Etappe auf einem langen Weg, der noch vor uns liegt.

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