Wenn das Silicon Valley feststellt, dass der chinesische Markt wegen des Handelskriegs mit den USA nicht mehr zugänglich ist, könnte es seine Zelte in Indien aufschlagen. Apple hat vor kurzem angekündigt, dass es einen Teil seiner Produktionslinien von China nach Indien verlagern wird, um sowohl die Exportmärkte als auch die Inlandsnachfrage Indiens zu bedienen. Eine ähnliche, aber nicht ganz so offensichtliche Schwerpunktverlagerung sehen wir auch bei den Internetfirmen.

Die großen US-amerikanischen Technologiekonzerne bauen seit Jahren ihre Präsenz in Indien aus. Doch unserer Ansicht nach hat der Markt jetzt einen Wendepunkt im Online-Konsum erreicht, der durch den steigenden städtischen Wohlstand in Indien vorangetrieben wird. Obwohl Unternehmen wie Google, Facebook und Amazon in Indien bereits ihre jeweiligen Tätigkeitsfelder wie Suchmaschinen, soziale Netzwerke und E-Commerce dominieren, nimmt auch die heimische Start-up-Szene Fahrt auf. In Bereichen wie Online-Bildung und Lebensmitteleinzelhandel sind große Teile des Marktes noch nicht erschlossen.

Der direkte Sprung zum Handy

Die Verbreitung des Internets erfolgte in Indien später als in China, dafür aber umso schneller. Ermöglicht wurde dies durch digitales „Leapfrogging": Die Menschen in Indien umgingen feste Breitbandverbindungen und machten sich direkt billigere und leichter verfügbare mobile Technologien zu eigen.

Das inländische Unternehmen Reliance erwies sich hier als Katalysator, der die Spielregeln veränderte: Das Unternehmen stellte den weltweit günstigsten Datenzugang bereit. Dies führte dazu, dass Indiens Abonnentenzahlen für drahtlose Breitbanddienste innerhalb von vier Jahren von 150 Mio. auf rund 650 Mio. anstiegen. Dies sind allerdings immer noch gerade einmal 50 Prozent der indischen Bevölkerung, wohingegen die Durchdringungsrate des Internets in China bei etwa 65 Prozent liegt.

Grafik 1: Durchschnittspreis für 1 GB mobile Daten (in US-Dollar)

Grafik 2: Abonnenten von drahtlosen Breitbanddiensten (3G & 4G) in Indien

Schnelle Verbreitung, langsame Monetarisierung

Für die globalen Internetfirmen ist es nicht ganz einfach, in Indien erfolgreich zu sein. Das regulatorische Umfeld kann angesichts des verstärkten Fokus auf die Datensicherheit sehr streng sein. Zu den weiteren Herausforderungen zählen die Anforderungen an inländisches Eigentum, der Widerstand der etablierten Unternehmen und die Anpassung an lokale Vorlieben und Kulturen.

Der Aufbau einer Kundenbasis in Indien ist eine Sache, die Erschließung von Einnahmequellen eine andere. Facebook und Google haben mit WhatsApp bzw. YouTube eine große lokale Präsenz aufgebaut. Obwohl diese Unternehmen nun mit digitaler Werbung erfolgreich sind, hatten sie Schwierigkeiten, in anderen Bereichen Geld zu verdienen.

Indiens Unified Payments Interface (UPI) wurde 2016 als landesweiter kostenloser Service für Interbanküberweisungen eingeführt, wodurch ein Großteil des Bedarfs an anderen externen Zahlungssystemen entfällt – aber auch deren Gewinnmöglichkeiten. Ein weiterer Knackpunkt sind die Anforderungen, dass Benutzerdaten lokal gespeichert werden müssen. WhatsApp ist nun endlich so weit, sein Zahlungssystem, das auf UPI aufbaut, auf den Markt zu bringen, nachdem es die Vorgaben zur Datenlokalisierung erfüllt hat – drei Jahre nach Bekanntgabe des Projekts.

Chinesischen Unternehmen wurde ein Riegel vorgeschoben

Im Zusammenhang mit den Handelskriegen und den erneuten Spannungen zwischen Indien und China haben sich landesspezifische Herausforderungen herauskristallisiert, die US-Firmen zugutekommen könnten. Während die WeChat-App von Tencent damit zu kämpfen hatte, ihre in China bestehende Vormachtstellung in Indien zu reproduzieren, war Bytedance das chinesische Unternehmen, das in Indien den schnellsten Erfolg erzielte und mit seiner TikTok-App etwa 200 Millionen registrierte Nutzer verzeichnete.

Doch die Zukunft dieser und anderer chinesischer Technologieunternehmen, die in Indien vertreten sind, ist ungewiss: Im Juni sprach die indische Regierung aufgrund der zerrütteten bilateralen Beziehungen für 59 chinesische Apps, darunter WeChat und TikTok, ein Verbot aus. Dies könnte vorübergehend ein Vakuum auf dem Markt hinterlassen und die regulatorischen Barrieren für westliche Unternehmen senken. Indien profitiert nach wie vor von der globalen Expertise und den Investitionen in die Entwicklung seines E-Commerce-Ökosystems, zumal die Verbraucher immer noch einen strukturellen Wandel vom Offline- zum Online-Shopping vollziehen.

Der einheimische Platzhirsch

Als heimisches Unternehmen mit Interessen in vielen Branchen ist Reliance seit langem ein Eckpfeiler des indischen Internet-Booms. Vor vier Jahren startete Reliance das Mobilfunkunternehmen Jio, das fortan die Kosten drastisch senkte und Millionen in das mobile Internetzeitalter pumpte. Das Unternehmen, das von Mukesh Ambani, dem reichsten Mann Indiens, geleitet wird, bezuschusste auch preiswerte 4G-Telefone für Kunden. Man wollte Daten zu niedrigen Preisen herausgeben und darauf ein unternehmerisches Ökosystem aufbauen.

Dank seiner großen Telekommunikations- und Einzelhandelsinfrastruktur in Verbindung mit seiner riesigen Nutzerbasis kann Jio heute nicht nur traditionelle Einnahmequellen erschließen, sondern auch Möglichkeiten in den Bereichen E-Commerce, Content und Werbung ausschöpfen.

Das Silicon Valley sah in Jio die Chance, in einigen der vielversprechendsten Wachstumssektoren des indischen Technologiemarktes Fuß zu fassen. Anfang dieses Jahres erwarben Facebook und Google jeweils umfangreiche Minderheitsbeteiligungen an Jio Platforms, wozu die Mobilfunksparte und andere digitale Geschäftsbereiche der Reliance-Gruppe gehören. Welche Auswirkungen könnte das haben?

Unserer Meinung nach könnte Jio seine Partnerschaft mit Facebook (mit seinen fast 400 Millionen WhatsApp-Nutzern in Indien) als Hebel nutzen, um eine „Super-App" zu entwickeln, die sowohl soziale Dienste als auch E-Commerce umfasst – ähnlich wie WeChat in China. Dies haben auch andere App-Anbieter in Indien versucht, allerdings mit begrenztem Erfolg. Zwar verfügen auch einige andere Apps über eine große Nutzerbasis, doch die tägliche Nutzung ist eher gering, während die Nutzer von WhatsApp sehr aktiv sind.

Grafik 3: Top-Apps in Indien nach Nutzung (Millionen Nutzer)

Derzeit werden in Indien die meisten digitalen Segmente von zwei oder drei Akteuren dominiert. Jio verfügt in vielen dieser Bereiche über eine starke Marktposition, was das Unternehmen zu einem idealen Partner macht.

Unseres Erachtens stellt der E-Commerce, der in Indien vor dem Ausbruch von Covid-19 weniger als 5 Prozent des gesamten Online-Einzelhandels ausmachte, eine der größten Chancen für Reliance dar. Amazon und Flipkart beherrschen aktuell die vergleichsweise fortgeschritteneren Segmente Unterhaltungselektronik und Mode, während Big Basket und Grofers auf dem aufstrebenden Online-Lebensmittelmarkt stark vertreten sind.

Jio, das in allen drei Kategorien in ganz Indien im stationären Einzelhandel aktiv ist, könnte seine Online-Präsenz in diesen Bereichen schnell ausbauen und dann im Laufe der Zeit weitere Segmente hinzufügen. Ein Beispiel ist die kürzlich erfolgte Übernahme von Netmeds mit dem Ziel, in den Bereich der Online-Apotheken zu expandieren.

Auch bei Hardware gibt es viele Möglichkeiten. Google und Jio arbeiten gemeinsam an der Entwicklung eines Android-basierten Smartphone-Betriebssystems. Jio beabsichtigt, ein 4G- oder sogar 5G-Smartphone für Einsteiger mit diesem neuen Betriebssystem zu entwickeln.

Weiteres Wachstumspotenzial

Vor diesem Hintergrund entstehen offenbar täglich neue lokale Start-ups, die es schaffen, Investitionen anzuziehen. Einige Segmente haben in Indien niedrige Eintrittsbarrieren, während andere große Kapazitäten und viel Kapital erfordern, um bestehen zu können. Nischenunternehmen könnten in Bereichen wie Schönheitsprodukte und Möbel Erfolge verbuchen.

Die meisten großen Unternehmen sind bereits in mehreren Segmenten vertreten, so dass es für kleine Unternehmen schwierig werden könnte, da sie über weniger Kapital, weniger Nutzer und weniger Möglichkeiten zur Cross-Promotion verfügen. In Bereichen wie dem Online-Einzelhandel, dem Lebensmitteleinzelhandel, der Lebensmittellieferung und bei Fintechs wird der harte Wettbewerb die Margen zumindest anfangs unter Druck setzen. Andere Sparten wie Mitfahrzentralen werden durch die Regulierungsbehörden und die Preissensibilität der Kunden zusätzlich eingeschränkt, was sie für Neugründungen weniger attraktiv macht.

Fest steht, dass es eine große und wachsende Nachfrage nach diesen Dienstleistungen gibt – und auch die Fähigkeit, sie zu bezahlen. Nach Schätzungen von Goldman Sachs leben in Indien etwa 30 bis 40 Millionen Menschen mit einem Jahreseinkommen von über 10.000 US-Dollar. Obwohl es sich immer noch um einen kleinen Teil der Bevölkerung handelt, könnte sich diese Gruppe in den nächsten fünf Jahren verdoppeln. In Verbindung mit einem raschen Wachstum des digitalen Zahlungsverkehrs könnte dies die Einführung von E-Services in einer Reihe von Sektoren beschleunigen. Laut der Hurun Global Unicorn List 2020 gibt es 21 in Indien ansässige Einhörner mit einem Gesamtwert von 73 Milliarden Dollar. Wir glauben, dass noch viele weitere folgen werden.

Grafik 4: Einkommensverhältnisse in Prozent der Bevölkerung

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